Klicken Sie hier, um die Social-Media-Schaltflächen einzublenden. Bitte beachten Sie, dass über diese Funktionen benutzerbezogene Daten an Dritte übertragen werden können. Klicken Sie hier, um die Social-Media-Schaltflächen einzublenden. Bitte beachten Sie, dass über diese Funktionen benutzerbezogene Daten an Dritte übertragen werden können. Klicken Sie hier, um die Social-Media-Schaltflächen einzublenden. Bitte beachten Sie, dass über diese Funktionen benutzerbezogene Daten an Dritte übertragen werden können.

Textauszüge

MEIN ECHO BRINGT MICH UM

„Mein Echo bringt mich um.“

Richtig gut schien es Mat nicht zu gehen. Seine Bewe­gungen waren fahrig, seine Haut glänzend und auch seine charmante junge Freundin aus gutem Hause hatte ihn verlassen.

„Es ist im Moment eine schwierige Zeit. Plötzlich ändert sich alles. Mein Bewusstsein spielt verrückt: Dieses Echo zermürbt mich. Ich höre mich selbst zweimal das Gleiche sagen.“ Ob dies ein Ergebnis von Mats Kokainmissbrauch war, konnte Ertu nur vermuten, tauschen wollte er aber nicht mit ihm.

Ertu kamen Zweifel, ob er hier mit dem Richtigen zu­sammensaß. Mat war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Mat, das Wrack.

Nein, auf ihn konnte und wollte er seine Recherchen in dieser heiklen Sache nicht stützen. Ertu bereute schon, ihm von der Idee eines Artikels zur NSA-Affäre erzählt zu haben und machte einen Rückzieher. „Mat, ich erzähle dir das als altem Bekannten. Kann sein, dass ich später noch deine Hilfe benötige, aber im Moment gibt es nichts für dich zu tun, es sei denn, du hörst zufällig etwas.“

Mat schaute auf sein iPhone und checkte seine E-Mails oder spielte er auf einer App? So genau konnte Ertu es nicht erkennen. „Ich schau, was ich tun kann“, sagte Mat abgelenkt.

„Bitte nichts tun, einfach Ohren aufhalten und dann treffen wir uns. Aber wie gesagt: Im Moment kein Hand­lungsbedarf.“

„Ich melde mich nächste Woche bei dir, Ertu.“

Und Ertu war alles andere als begeistert.

DR GERLACH

Dr. Gerlach war ganz anders, als Ertu erwartet hatte. Eher klein, unscheinbar, seine Frisur akkurat mit Seitenscheitel – von der Tolle auf dem Foto keine Spur mehr. Begleitet wurde er von einer jungen verkniffen ausschauenden Dame im Kostüm und mit Aktenkoffer – typische Jungkar­rieristin. Etwas nervöser machten Ertu schon die zwei wei­teren Begleiter, durchtrainierte Typen, die so gar nicht hierher passten. Dr. Gerlach bedeutete ihnen mit knapper Geste, am Eingang bei den Clubsesseln zu warten und kam mit seiner Assistentin direkt auf Ertu zu.

„Sie sind also der Journalist, der sich einfach an Ger­hard vorbeigeschlichen hat“, begrüßte Dr. Gerlach ihn ru­hig. Seine Miene wirkte eher interessiert als feindselig.

„Georg!“, berichtigte Ertu.

„Wie bitte?“ Der Doktor blinzelte.

„Der Mann heißt Georg, nicht Gerhard“, korrigierte Ertu.

Dr. Gerlach überging den Hinweis, die Assistentin tippte eifrig etwas in ihr iPad. Ertu musste unwillkürlich schmunzeln.

„Jetzt wo Sie schon mal da sind, Herr Keser, darf ich er­fahren, was ein freier Journalist von mir will?“

„Respekt, Herr Dr. Gerlach, das nenne ich gute Vorberei­tung auf ein Interview.“

„Ein Interview? Ich wüsste gar nicht, was an mir so be­deutend sein sollte, dass Sie mit mir sprechen wollen?“

Dr. Gerlach lächelte immer noch – ganz jovialer Gentle­man, doch er wirkte jetzt lauernd.

„Wie Sie ja schon wissen, bin ich freier Journalist. Der­zeit recherchiere ich an einem Artikel zur NSA-Affäre. Eine meiner Quellen informierte mich darüber, dass ein gewis­ser Dr. Gerlach aus dem Innenministerium hierzu ein sehr kompetenter Gesprächspartner wäre“, eröffnete Ertu.

Dr. Gerlach lachte schallend und sogar seine Assistentin grinste dümmlich. „Na da sollten Sie sich aber dringend bessere Informanten besorgen. Ich wüsste nicht, wie ich Ihnen hierbei behilflich sein könnte. Im Übrigen habe ich auch ganz wenig Zeit und muss zu einem Termin. Schade, dass Sie den langen Weg aus Frankfurt umsonst gemacht haben“.

Ertu hatte sich aus der Adressliste Rolands zwei Namen gemerkt, die ebenfalls mit „VP“ gekennzeichnet waren, und beschloss zu pokern.

„Wirklich schade. Da muss ich nochmal ein ernstes Wort mit meinem Informanten reden. Er nennt mir inter­essante Namen, aber niemand steht für ein Gespräch zur Verfügung oder die Personen scheinen nicht zu existieren. Sie wissen nicht zufällig, wie ich die Herren Haller und Wolfmann erreichen kann?“, fragte er gespielt beiläufig und zog sein Handy aus der Tasche.

Volltreffer. Die Assistentin tippte wieder wie wild auf ih­ren iPad. Dr. Gerlachs Lächeln verschwand und er herrschte die junge Dame an: „Lassen Sie die dämliche Schreiberei und kümmern Sie sich endlich darum, dass wir unseren re­servierten Tisch bekommen!“

Nun grinste Ertu die junge Dame aufreizend an. Sie ver­schwand konsterniert.

„Ich weiß nicht, was Sie wollen, und ich weiß nicht, wer diese Herren sein sollen. Aber ich gebe Ihnen einen guten Rat.“ Dr. Gerlachs Stimme war hart und leise. „Gehen Sie in Ihr staubiges Archiv, recherchieren Sie meinetwegen im Internet und dann basteln Sie Ihren großartigen Artikel, auf den die Welt gewartet hat.“ SeineVerachtung war körperlich spürbar. „Es wird sowieso niemanden in­teressieren außer ein paar wenige sogenannte Intellektuelle und Weltveränderer. Die anderen blättern ohne­hin sofort zum Sportteil. Und dann holen Sie sich Ihr mickriges Zeilenhonorar, Herr freier Journalist, und bezah­len die nächste Rate fürs Reihenhäuschen.“

DIE SOFTWARE MACHTS

„Die perfekte Kontrolle auf allen Ebenen und niemand ist verantwortlich. Die Software macht’s. Wie sagte einmal ein Philosoph: Unter allen Herrschaftsformen ist die Herr­schaft der Bürokratie die Unmenschlichste. Kafka hat sei­ne Literatur darauf aufgebaut. Das ist es, was hier pas­siert.“ Resigniert legte Ertu den Kopf in den Nacken und starrte die grauen Wolken über ihm an.

Und Mike nickte. „Stimmt. Und die vielen kleinen Feh­ler und Übertretungen, die jeder Mensch in seinem Leben so begeht, machen ihn erpressbar durch den, der es weiß. Die Behauptung ist, dass man die ganze Überwachung für Terrorismus- und Kriminalitätsbekämpfung braucht, aber es ist nur eine kleine Einstellung in den Parametern, ein kleines Tunen am System und schon können die Schleusen beliebig geöffnet werden, um jeden Bürger an dem Platz zu halten, der ihm von den Mächtigen zugewiesen wurde. Wer aufsteht, wird sanft, aber bestimmt wieder in seinen Platz gedrückt oder es werden Dinge über ihn bekannt, die niemand wissen sollte – kein System, in dem Umbrüche und Demonstrationen wahrscheinlich sind. Genau nach dem Geschmack der Mächtigen.“


top